Madame Lenin bei D-bü 2017

Madame Lenin - ein musiktheatreales Ritual
Ein Jahrhundert nach der Russischen Revolution setzt sich „Madame Lenin“ mit der Vorstellung von Zukunft auseinander. Dabei geht es nicht um den technischen Fortschritt, sondern um den Menschen - den „Neuen Mensch“.
In der Performance erleben wir drei Werke unterschiedlicher Autoren und Komponisten. Die Stücke werden nicht durch eine einheitliche Handlung miteinander verbunden. Trotzdem finden sich Gemeinsamkeiten -  in Form von ähnlichen Fragestellungen auf einer philosophischen Ebene. Es geht geht um das Unbegreifliche, um das, was jenseits der Vernunft liegt, und um das Unvernünftige.

Das Unbegreifliche
All die Hoffnungen auf eine Welterneuerung sind gescheitert. Das zeigen die Texte des sowjetischen Autors Andrej Platonow deutlich. Sein Text „Die Stimme des Vaters“ ist der erste musikalische Teil des Abends, in einer Bearbeitung von Ruslan Khazipov. Jakob besucht das Grab seines verstorbenen Vaters. Der Junge stellt dem toten Vater Fragen - doch bekommt keine Antworten, die zufriedenstellen. Aus dem Jenseits dringt „die Stimme des Vaters“ auf Russisch zu uns - und wird im Diesseits von einer Bürokratin übersetzt.
Der innige Dialog zwischen Vater und Sohn wird jäh unterbrochen. „Wir wollen hier einen Vergnügungspark errichten“, schreit ein Angestellter und tritt das Grab mit Füßen. Das ist revolutionäre Welterneuerung!

Das, was jenseits der Vernunft liegt
Madame Lenin, Protagonistin des gleichnamigen Stücks von Welimir Chlebnikow, ist gegen ihren Willen Insassin einer psychiatrischen Anstalt. In den Augen ihres behandelnden Arztes ist Madame Lenin eine Verrückte. Und sie selbst? Sie wehrt sich nicht. Besser gesagt: sie handelt gar nicht. Sie nimmt nur wahr. Sie sieht, sie hört, sie fühlt - aber sie tut nichts.
Als Prolog und Epilog hören wir Chlebnikows Text „Madame Lenin“. Im Mittelteil wird dieser zur Vorlage für Boris Yoffes ritualhafte Musik. Es ist ein sakrales Ritual der Opferung, in dem Madame Lenin geopfert wird - und dabei ihre Passivität nicht aufgibt. Denn sie ist keine Weltverbesserin. Obwohl sie leidet: „Es gibt das Böse, aber es wird nicht bekämpft,“ sagt ihr Bewusstsein.
Boris Yoffes Musik ist Musik zum Sich-versenken. Wenn diese Form der musikalischen Meditation gelingt, dann spielt weder Verstehen, noch Zeit eine Rolle…

Das Unvernünftige
Das letzte Musikstück des Abends ist Clemens K. Thomas’ „Makarow und Petersen n°3“, nach einem Schauspiel von Daniil Charms. Dieser hat die Hoffnung an einen „Neuen Menschen“ völlig aufgegeben. Der Mensch an sich ist lächerlich, sein Handeln und seine Bemühungen sinnlos. Wozu das alles? Nur zwischen den Zeilen, im Hintergrund schimmert der Sinn. Denn nur das, was nicht gesagt, genannt, gezeigt werden kann, ist bei Charms sinnvoll.

künstlerische Leitung und Projektleitung  | 4 Aufführungen im SÜDUFER Freiburg, Hamburger Bahnhof Berlin und im Badischen Staatstheater Karlsruhe | September 2016 bis April 2018 | ein Projekt von zeug und quer e. V., in Kooperation mit der Musikhochschule Freiburg, Zwetajewa-Zentrum Freiburg,  gefördert von der Kulturstiftung des Bundes und dem Badischen Staatstheater Karlsruhe | ausgewählter Beitrag beim D-bü Wettbewerb Studierender der deutschen Musikhochschulen 2017 | www.madamelenin.wordpress.com

Ein Angestellter (Steffen Schwender) möchte ein Friedhof in einen Vergnügungspark umwandeln. Er tritt die Gräber und das Andenken an die Toten mit den Füßen…


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